Qualitätsstandards der Gemeinwesenarbeit in Hessen

AUS DER PRAXIS FÜR DIE PRAXIS
Grußwort des Hessischen Ministers für Soziales und Integration Kai Klose

Liebe Leserinnen und Leser,

Ziel der hessischen Landesregierung war und ist es, Kommunen mit Hilfe des Förderprogramms Gemeinwesenarbeit bei der positiven Entwicklung ihrer Quartiere durch passgenaue, innovative und sozial-integrative Maßnahmen zu fördern und zu stärken, um der räumlichen Segregation, Verstärkung von Armut und sozialer Ausgrenzung sowie Stigmatisierung der Gebiete entgegenzuwirken. So sollen durch Maßnahmen der Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit sowie durch sozial-integrative Projekte die gesellschaftliche Teilhabe gestärkt, Selbsthilfe, bürgerschaftliches Engagement und Vernetzung zielgerichtet weiterentwickelt und die Entwicklungsperspektiven für die Menschen in den Bereichen Integration, Bildung und Beschäftigung verbessert werden.

Damit diese Förderung gezielt und fachlich fundiert erfolgen kann, hat das Land eine Servicestelle bei der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Soziale Brennpunkte Hessen e. V. eingerichtet und mit dieser einen kompetenten Partner gefunden. So ist nach vier Jahren Umsetzung des Förderprogramms festzustellen, dass dank des Engagements und der Beiträge der Förderstandorte sowie der Unterstützung durch die Servicestelle bislang 350 Maßnahmen erfolgreich umgesetzt werden konnten.

Gemeinwesenarbeit ist eine dauerhafte Aufgabe vor Ort. Daher hat die Landesregierung für die 20. Legislaturperiode die weitere Förderung der sozialen Infrastruktur und sozialraumorientierten Gemeinwesenarbeit sowie die aktive Partnerschaft zu den Wohlfahrtsverbänden mit Priorität und dem Ziel versehen, die Gemeinwesenarbeit weiterzuentwickeln und die Zahl der vorhandenen Projekte sowie die dafür notwendigen Mittel zu verdoppeln. Dafür sollen Stadtteilbüros entstehen, in denen Bewohner*innen niedrigschwellige Beratung, Hilfe und Vermittlung finden.

Die vorliegende Broschüre gibt Ihnen anhand neuer Qualitätsstandards einerseits einen Einblick in die Vielfältigkeit der Gemeinwesenarbeit, andererseits leistet sie einen wesentlichen Beitrag zu deren Profilschärfung. Die Qualitätsstandards unterstützen die Stadtteilbüros bei ihrer Arbeit, die gesamtgesellschaftlichen und gesamtstädtischen Herausforderungen wie Zuwanderung, Inklusion, Bildung, Beschäftigung, demographischen Wandel und ökologischen Umbau vor Ort bearbeiten zu können. Daher bedanke ich mich bei all denen, die zur Konzeption dieser neuen Qualitätsstandards beigetragen haben.

Da Gemeinwesenarbeit sich stets an die sich im Quartier verändernden Bedarfe anpassen muss, lade ich Sie herzlich ein, bei der Weiterentwicklung der Qualitätsstandards in Hessen auch zukünftig mitzuwirken.

Hessischer Minister für Soziales und Integration

Kai Klose

Vorwort der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V.

Im Jahr 1974 haben sich Initiativen von Bewohner_innen aus benachteiligten und stigmatisierten Wohngebieten in Hessen und Mitarbeiter_innen dort ansässiger Projekte zusammengetan und die Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte Hessen e.V. (LAG) gegründet. Ziel war und ist durch die Arbeit in und an den Gemeinwesen, die negativ wirkenden Wohn- und Lebensbedingungen in den Quartieren nachhaltig zu verbessern und zukunftsträchtige Entwicklungschancen gemeinsam mit den dort lebenden Menschen zu erreichen.

Beim Verfolgen und Realisieren der Ziele spielt die Gemeinwesenarbeit (GWA) als beteiligungs- und teilhabebezogenes, umfassendes Arbeitskonzept der Sozialen Arbeit, auch als Arbeitsprinzip bezeichnet, mit ihrer langen Tradition eine zentrale Rolle. Sie stellt die entwicklungshemmenden, destruktiven Einflussfaktoren auf die Lebensgestaltung unmittelbar in den Fokus und greift in der Bearbeitung die Ressourcen und Potenziale der Menschen und des Quartiers auf.

In Hessen gibt es seit den 1960er Jahren zur Bearbeitung kollektiver und struktureller Aspekte, gerade der sozialräumlichen Benachteiligung und Ausgrenzung, vielfältige Erfahrungen mit GWA. Durch das konsequent strategische und operative Handeln gelang es seitdem, die meisten großen hessischen Obdachlosenquartiere aufzulösen und zur positiven Entwicklung zahlreicher Quartiere beizutragen. Möglich war dies nur durch die strategische und finanzielle Unterstützung des Landes Hessen in Kooperation mit den Kommunen. So wurde GWA von 1972 bis 2003 im Rahmen des Erlasses „Hilfen für Obdachlose, Grundsätze zur Verbesserung der Lage der Obdachlosen in Hessen“ (Hessischer Brennpunkterlass) gefördert. Seit 1999 ergänzt das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt die Städtebauförderung um den sozialräumlichen Handlungsansatz und greift mit Quartiersmanagement auf vielfältige Aktivierungs- und Beteiligungserfahrungen der GWA zurück.

Im Jahr 2015 hat das Land Hessen die Erfolge von GWA wieder aufgegriffen und das Programm zur „Förderung von Gemeinwesenarbeit in Stadtteilen/Quartieren mit besonderen sozialen und integrationspolitischen Herausforderungen“ aufgelegt. GWA findet seitdem in immer mehr Stadtteilen und Quartieren Hessens Anwendung, um die vielfältigen dort anstehenden Entwicklungs- und Teilhabeaufgaben zu bewältigen. Insbesondere in Zeiten von zunehmenden Unsicherheiten, Abstiegsängsten, Politikverdrossenheit und dem wachsenden Glauben an populistische Antworten auf vielschichtige Fragestellungen wird örtlich verankertes, zivilgesellschaftliches, demokratisches Handeln in den Gemeinwesen immer bedeutsamer. Eine dauerhafte Absicherung von GWA kann als Teil einer kommunalen Gesamtstrategie maßgeblich einen Beitrag für die Gestaltung solidarischer, inklusiver Gemeinwesen leisten und unerwünschte Segregationsprozesse und sozial-räumliche Stigmatisierungen vermeiden.

Seit ihrer Gründung 1974 hat es sich die LAG zu ihrer Aufgabe gemacht, die GWA in Hessen fachlich zu begleiten und weiterzuentwickeln. Mit der durch das Land Hessen geförderten Service- und Koordinierungsstelle Gemeinwesenarbeit ist die LAG seit 2015 wieder in der Lage, die Umsetzung und Weiterentwicklung der GWA in Hessen intensiver zu unterstützen und das GWA-Netzwerk zu stärken. Aus diesem heraus sind die folgenden neun Qualitätsstandards entstanden, mit denen wir als LAG einen weiteren Beitrag zur fachlichen Weiterentwicklung und Qualifizierung von GWA leisten möchten. So sind Qualitätsstandards das Ergebnis eines Prozesses der fachlichen Auseinandersetzung und Selbstvergewisserung des Netzwerks von Akteur_innen der GWA in Hessen.

Die formulierten Qualitätsstandards sollen das Profil schärfen und die Diskussion um ein gemeinsames Verständnis voranbringen. Denn so erfolgreich und vielseitig GWA in Hessen umgesetzt wird, so sehr besteht auch die Gefahr, dass der Begriff verwässert und somit die zentrale Grundausrichtung dieser besonderen Arbeitsweise verloren geht und zu individuellem verhaltensbezogenem Maßnahmen-Handeln führt. Diesem gilt es mit den vorgelegten Standards entgegen zu wirken. Grundlage der Qualitätsstandards sind unter anderen Arbeitspapiere der LAG Soziale Brennpunkte aus Hessen und Niedersachen, der Bundesarbeitsgemeinschaft Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit e.V. und des Verbands für sozial-kulturelle Arbeit e.V. Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei allen, die das Erarbeiten der Standards in vielfältiger Art und Weise ermöglicht, umgesetzt, unterstützt, kritisch begleitet, hinterfragt und bestätigt haben.

Die Tätigkeit des Schreibens erfordert immer Prozesse der Vergewisserung, des Abwägens, der fachlichen Auseinandersetzungen, dem Erkennen von veränderten Rahmenbedingungen und aktuellen Erfordernissen. Prozesse, die ihren eigenen Wert und unschätzbare Wirkungen in sich tragen. So wissen wir um den großen und nicht sichtbaren Teil der vorliegenden Broschüre. Wir hoffen, dass ähnliche Prozesse auch beim Lesen entstehen und die Beschreibung der Qualitätsstandards zu Diskussionen und fruchtbaren Impulsen einlädt und wir das Profil von GWA weiter schärfen. Nur so können wir gemeinsam die Lebenssituationen der Menschen in den Quartieren nachhaltig verbessern.

Der Vorstand der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V.

 

I. Gemeinwesenarbeit handelt mit dem strategischen Ziel einer ganzheitlichen Weiterentwicklung von ausgewählten Wohngebieten mit besonderen sozialen Herausforderungen.

Gemeinwesenarbeit verfolgt eine Strategie zur Verbesserung der materiellen, infrastrukturellen, sozialen und kulturellen Bedingungen eines Gemeinwesens. Der Begriff „Gemeinwesen“ bezeichnet einen sozialen Zusammenhang von Menschen, der über einen territorialen Bezug sowie über soziale Zusammenhänge und Zugehörigkeiten definiert wird. Zentraler Bezugspunkt von Gemeinwesenarbeit ist also ein Quartier. Zur räumlichen Abgrenzung wird oft auf bestehende Verwaltungseinheiten, z. B. Stadtteile, Gemeinden oder Ortsteile zurückgegriffen.

Wichtig ist, dass ein Quartier den Raum widerspiegelt, den die Bewohner_innen als ihren sozialen Nahraum wahrnehmen, also den Ort, an dem sie leben und sich zu Hause fühlen. Für die Abgrenzung und Definition eines Quartiers ist es hilfreich, die Bewohner_innen vor Ort miteinzubeziehen und sie zu fragen, wo sie sich bewegen, welche Grenzen sie wahrnehmen und mit welchem Sozialraum sie sich identifizieren.

Es ist besonders wichtig, dass Kommunen auf einer validen Grundlage die Wohngebiete auswählen, in denen Gemeinwesenarbeit eingesetzt werden soll. Gemeinwesenarbeit wird in der Regel in Quartieren eingesetzt, die durch die Konzentration sozialräumlicher Problemlagen gekennzeichnet sind. Gleichzeitig sind sie durch räumliche Polarisierung von Benachteiligungen ihrer Bewohnerschaft im Einkommen, Teilhabe am Erwerbsleben, Bildungsmöglichkeiten und Haushaltsform etc. gekennzeichnet. So kumulieren sich in diesen Quartieren strukturelle Benachteiligung durch den Sozialraum und individuelle Benachteiligung. Soziale Ungleichheit wird hier besonders häufig in Form von Segregation sichtbar.

Zur Identifizierung der benachteiligten Quartiere und deren sozialer Bedarfslagen werden bei Sozialraumanalysen einerseits Indikatoren hinsichtlich des Bezugs öffentlicher Hilfs- und Transferleistungen (z. B. Leistungen nach SBG II und XII, Hilfen zur Erziehung nach SGB VIII, Anteil der Sozialwohnungen) und andererseits hinsichtlich prekärer Lebenslagen (z. B. Geringverdiener_innen, Verschuldung, niedriger Schulabschluss, Kinderarmut, Alleinerziehende, allein lebende alte Menschen, schlechter Gesundheitszustand, frühzeitige Sterblichkeit, fehlende soziale Infrastruktur) herangezogen.

Gemeinwesenarbeit setzt im Quartier an, weil insbesondere für sozial benachteiligte Menschen das Quartier eine vergleichsweise stärkere Bedeutung als Ort des alltäglichen Lebensvollzugs hat. Das Quartier bietet mit seiner Gelegenheitsstruktur über geografische Nähe und gemeinsam genutzte Infrastruktur soziale Kontaktflächen. Die materielle, infrastrukturelle Ausstattung des Quartiers, das soziale Klima, die Dynamiken der Nachbarschaften und das mit ihm verbundene Image beeinflussen sowohl die Möglichkeiten als auch Einschränkungen der Menschen bei der Lebensbewältigung, Existenzsicherung und Zukunftsgestaltung.

In dieser Breite sieht Gemeinwesenarbeit das Quartier als soziales System und arbeitet ganzheitlich-systemisch und präventiv, indem sie Entwicklungsprozesse fördert, moderiert und organisiert.

Gemeinwesenarbeit lässt sich ein auf die Besonderheiten des Quartiers und die Lebensumstände der Bewohner_innen. Deshalb ist für Gemeinwesenarbeit eine Vor-Ort-Präsenz, die in Form einer niedrigschwelligen Anlaufstelle für alle Themen grundsätzlich offen ist, unerlässlich.

Gemeinwesenarbeit weiß um die großen integrierenden Leistungen dieser Quartiere und stärkt sie nach innen und außen, gerade auch in ihrer Bedeutung für die Gesamtstadt oder Gemeinde.

II. Gemeinwesenarbeit stellt Bewohner_innen ins Zentrum des Handelns.

Bewohner_innen ins Zentrum des Handelns zu stellen, bedeutet für Gemeinwesenarbeit immer, die Bedarfe der Bewohner_innen des betreffenden Quartiers als zentralen Ausgangspunkt zu sehen. Ihr Wille und sich daraus ergebende Bedarfe zur Veränderung sind für Gemeinwesenarbeit handlungsleitend.

Die Bewohner_innen stehen dabei als die Expert_innen ihrer Lebenswelt im Fokus. Sie kennen die einflussnehmenden Lebensbedingungen und alltäglichen Missstände und wissen um die notwendigen Veränderungen, aber auch um die Stärken des Quartiers und der Nachbarschaften. Diese Haltung impliziert auch das Zutrauen und die Selbstverständlichkeit der aktiven Beteiligung der Bewohner_innen im Kontext der Verbesserungen und Weiterentwicklungen von Lebensbedingungen und Verhältnissen im Quartier.

Dahinter steht die Idee, Bewohner_innen nicht als rein passiv Betroffene zu verstehen, sondern als aktive Mitglieder einer Nachbarschaft, die eine Verbesserung ihrer gemeinsamen Lebensbedingungen selbst angehen können. Die Gemeinwesenarbeiter_innen wirken dabei unterstützend, ermutigend, aktivierend und emanzipierend, statt die Bewohner_innen von Problembeschreibungen und Lösungsansätzen Außenstehender zu überzeugen.

Im Zentrum des Handelns von Gemeinwesenarbeit stehen nicht die Interessen Einzelner, vielmehr ist Gemeinwesenarbeit die solidarisierende Organisation persönlicher Interessen. Gemeinwesenarbeit unterstützt die Bewohner_innen zunächst dabei, ihre gemeinsamen Interessen zu identifizieren und diese auch zu artikulieren. Weitergehend fördert sie die (Selbst-)Organisation von Personen, die gemeinsame Lebens- und Interessenlagen teilen. Durch gemeinsames Handeln entlang sich überlappender Einzelinteressen wird insbesondere benachteiligten Bevölkerungsgruppen und ihren Interessen eine wirksame Teilhabe an der Gestaltung und Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort ermöglicht.

Demzufolge muss Gemeinwesenarbeit Möglichkeiten finden, die Bewohner_innen zu Wort kommen zu lassen. Dazu stehen ihr vielseitige Methoden verschiedener Disziplinen zur Verfügung, wie beispielsweise die unterschiedlichen Möglichkeiten der Sozialraumanalyse, aktivierende Befragungen oder Zukunftswerkstätten.

Gemeinwesenarbeit berücksichtigt immer, dass die verschiedenen Personen(gruppen) im Quartier unterschiedliche Erfahrungen im Formulieren ihrer Bedürfnisse und Interessen mitbringen. Demzufolge müssen manche Personen zunächst dazu ermutigt und befähigt werden, ihre Ideen und Wünsche zu benennen. Aus diesem Grund schafft Gemeinwesenarbeit Settings, in denen vermeintlich durchsetzungsschwache Interessen gleichermaßen Gehör finden wie starke. Gemeinwesenarbeit steht dabei intermediär und dennoch reflektiert parteilich für solidarische und inklusive Gemeinwesen an der Seite der durchsetzungsschwächeren Interessen.

Das Setting eines Runden Tisches zwischen verschiedenen Parteien ist beispielsweise im Kontext der Gemeinwesenarbeit häufig zunächst nicht wirklich rund, da die Begegnung meist nicht auf Augenhöhe stattfinden kann. Wenn sich z. B. im Zuge einer Besprechung zur Umsetzung einer anstehenden Sanierungsmaßnahme eines Hauses an einem Runden Tisch Vertreter_innen von Wohnungsbaugesellschaften und Bewohner_innen treffen, ist schnell deutlich, wer in der vermeintlich machtvolleren Position am Tisch sitzt. Hier muss Augenhöhe erst hergestellt werden, damit auch die Anliegen der Bewohner_innen gleichermaßen Gehör und Berücksichtigung im Vorhaben finden. Daher stärkt Gemeinwesenarbeit die Position der Bewohnerschaft in Aushandlungsprozessen mit Dritten.

Durch die Orientierung an den Bewohner_innen als Expert_innen für ihre Lebenswelt stellt Gemeinwesenarbeit über Beteiligung die Identifikation der Bewohner_innen mit den Veränderungen im Quartier sicher. Sie kann dazu beitragen, dass der Kern der Anliegen getroffen und von einer breiten Basis angenommen wird. Nicht zuletzt wird darüber Nachhaltigkeit und dauerhaftes Engagement der Bewohner_innen gefördert und etabliert.

III. Gemeinwesenarbeit stärkt die Handlungsfähigkeit und Selbstorganisation von Bewohner_innen.

Grundlage für Handlungsfähigkeit ist das Erkennen sowohl eigener als auch kollektiver Interessen und Bedürfnisse. Diese zu benennen, Handlungsziele zu definieren, den Handlungsrahmen einzuschätzen und gemeinsame Perspektivenentwicklung stehen im Mittelpunkt der Gemeinwesenarbeit für eine wirkmächtige (Selbst-)Vertretung z. B. gegenüber Politik, Verwaltung oder Wohnungsgesellschaft. Im Rahmen von Handlungsfähigkeit und Selbstorganisation ist insbesondere auch das Unterscheiden zwischen Wünschen und Wollen seitens der Bewohner_innen wichtig.

Während der Wunsch die passive Haltung beschreibt, dass sich etwas verändern müsse, dafür aber andere zuständig seien, besteht beim Wollen die aktive Bereitschaft, selbst etwas für die zu verändernde Situation in Gang zu bringen. Aufgabe der Gemeinwesenarbeit in diesem Kontext ist es, Interessen zu bündeln, Impulse für die Organisation einer gemeinschaftlichen Interessensvertretung zu geben und die Bewohner_innen, wo nötig, in die Lage zu versetzen, für ihre eigenen Belange einstehen zu können.

Die Gemeinwesenarbeiter_innen betrachten die Bewohner_innen dabei als gleichwertige Partner_innen auf Augenhöhe und als Expert_innen ihrer Lebenswelt, die in möglichst vielfältige Prozesse rund um das Quartier einzubinden sind. Gemeinwesenarbeit will die Menschen in benachteiligten Quartieren dazu befähigen, ihre Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und Selbstwirksamkeit im Handeln zu erleben. Nicht die Mitarbeitenden der Gemeinwesenarbeit vertreten die Interessen der Bewohner_innen in deren Namen, sondern diese tun es selbst. Damit erfahren die Menschen sich als aktiv Gestaltende ihrer eigenen Lebenswelt, während sie sich in anderen Situationen häufig als passiv und mit wenigen Einflussmöglichkeiten erleben.

Durch diesen ermutigenden und aktivierenden Prozess werden Selbstreflexion, Selbstvergewisserung, Selbstorganisation und Selbstbestimmung gefördert. Jedoch sind für diese positiven Prozesse und Entwicklungen ernstgemeinte Beteiligung und Partizipation – d.h. teilhaben, teilnehmen und mitbestimmen können – unverzichtbar. Sie muss strukturell und verbindlich z. B. durch Stadtteilbeiräte etabliert, aber auch auf allen informellen Ebenen ermöglicht werden. Gemeinwesenarbeit fördert die demokratische Mitwirkung durch politische Bildung und übt sie mit den Bewohner_innen vor Ort ein. Der Rahmen von Beteiligung muss dabei immer nachvollziehbar transparent gemacht werden, um Enttäuschungen zu vermeiden und deutlich zu machen, wann und wo über was (mit)entschieden werden kann.

Die Gemeinwesenarbeiter_innen müssen dabei immer die unterschiedlichen Stufen der Partizipation im Blick haben, um sich bewusst zu machen, wo das jeweilige Partizipationssetting konkret einzuordnen ist. Das beinhaltet auch, in den Kooperationen mit anderen Akteur_innen eines Quartiers – Institutionen, Vereinen, Verbänden und kommunalpolitischen Entscheidungsträger_innen – eine klare Haltung zu echter Partizipation deutlich zu machen und darauf hin zu wirken, dass Strukturen entwickelt werden, die Teilhabe ermöglichen.

IV. Gemeinwesenarbeit legt die Wirkung gesellschaftlicher Konflikte im Gemeinwesen offen und bietet den Rahmen, diese zu bearbeiten.

Benachteiligte Quartiere sind wie ein Brennglas für gesamtgesellschaftliche Konflikte und Herausforderungen. Denn diese werden häufig durch latente oder manifeste Konflikte im Quartier sichtbar, wirken unmittelbar auf die Menschen in diesen Quartieren und treffen sie in besonderem Maße. Diese Zusammenhänge aufzudecken und im demokratischen Sinne unter Einbeziehung aller relevanten Gruppen zu bearbeiten, ist Bestreben der Gemeinwesenarbeit.

Somit zeigt Gemeinwesenarbeit die übergeordneten Bedingungen individueller Problemlagen im Quartier auf und verbindet individuelle Unterstützung mit der Organisation bürgerschaftlicher Einmischung. Das Quartier ist also ein Ort des Sichtbarwerdens gesellschaftlicher Herausforderungen. Durch die direkte Verortung der Gemeinwesenarbeiter_innen im Quartier und ihrer Nähe zur dortigen Bewohnerschaft können sie frühzeitig sich entwickelnde Probleme identifizieren und an entsprechender Stelle (Kommune, Wohnungsbaugesellschaft, Schule etc.) thematisieren.

Da die Ursachen für individuelle Problemlagen häufig strukturell und gesellschaftlich begründet sind, kann Gemeinwesenarbeit diese nicht grundständig lösen. Gemeinwesenarbeit_innen kommunizieren ihre Beobachtungen und Wahrnehmungen an die entsprechenden Ebenen und initiieren (Stadtteil-)Öffentlichkeit und öffentliche Diskurse. Dabei begleiten Gemeinwesenarbeiter_innen diese Prozesse, anstatt sie zu leiten. Das heißt, Gemeinwesenarbeit versteht sich nicht als direkte Problemlöserin, sondern als Unterstützerin von Problemlösungsprozessen anhand der Interessen und Potenziale der Bewohner_innen.

Die Auswirkungen eines übergeordneten Problems, z. B. der Wohnungsnot, zeigen sich im Quartier durch Mietpreissteigerungen oder Nachverdichtungen. Von den damit einhergehenden individuellen Problemen, wie Mietschulden oder Streitigkeiten unter den Bewohner_innen um die Nutzung schwindender öffentlicher Räume (z. B. Spielplätze und Grünflächen) erfahren Gemeinwesenarbeiter_innen frühzeitig durch ihre Arbeit vor Ort. In diesem Fall bietet Gemeinwesenarbeit zum einen unmittelbare, praktische Hilfe an. Sie verweist beispielsweise an eine Schuldnerberatung, initiiert Aushandlungsprozesse und stellt (Begegnungs-)Räume zur Verfügung.

Zum anderen organisiert sie Treffen mit anderen betroffenen Bewohner_innen, um Handlungsspielräume und gemeinsame Interessen heraus zu arbeiten. Anschließend ermöglicht sie den Bewohner_innen, ihre Interessen bei den entsprechenden Ebenen, wie Wohnungsbaugesellschaften und städtischer Wohnungspolitik, zu vertreten. Dazu schafft Gemeinwesenarbeit Anlässe, lädt die verantwortlichen Vertreter_innen ein und moderiert Diskurse in einer intermediären Rolle.

So initiiert Gemeinwesenarbeit die Artikulation unterschiedlicher Bedarfslagen und unterstützt die kollektive, möglichst selbstständige Durchsetzung von demokratisch legitimen Interessen. Ziel von Gemeinwesenarbeit ist, neben der Bewältigung von akuten Konflikten und Problemen, auch gesellschaftliche Veränderungsprozesse in Gang zu setzen oder zu unterstützen und der betroffenen Bewohnerschaft den Zugang zu und die Beteiligung an Veränderungsprozessen zu ermöglichen.

V. Gemeinwesenarbeit erkennt und nutzt die Stärken und Ressourcen des Gemeinwesens.

Gemeinwesenarbeit schaut nicht zuerst auf die Defizite eines Quartiers, sondern setzt an dessen spezifischen Stärken, Besonderheiten und Ressourcen an. Sie orientiert sich an den Ressourcen der Menschen, Organisationen und Strukturen im Quartier. Diese vorhandenen Potenziale eines Quartiers können materieller aber auch immaterieller Natur sein. Immaterielle Ressourcen können beispielweise Stärken und Fähigkeiten einzelner Menschen sein oder soziale Beziehungen und nachbarschaftliche Netzwerke.

Die materiellen Ressourcen eines Quartiers sind sowohl die infrastrukturellen Gegebenheiten (Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten, Vereine, Gewerbe) als auch Räume (Gemeinschaftshäuser, Vereinsheime) und finanzielle Mittel (lokale Sponsor_innen). Darüber hinaus verfügen Quartiere in der Regel auch über institutionelle Ressourcen (Einrichtungen wie Schulen, Kindertagesstätten, etc.) und über kulturelle Potenziale, bedingt durch die kulturelle Vielfalt der dort lebenden Menschen.
Gemeinwesenarbeit identifiziert diese Ressourcen durch unterschiedliche Methoden der Sozialraumanalyse wie Stadtteilbegehungen und aktivierende Befragungen.

Letztere erlauben eine konkrete, persönliche Ansprache der Bewohnerschaft, um so Stärken des Quartiers zu erheben, die Motivation in den Menschen zu wecken und dadurch Engagierte zu finden, die sich für ihre Nachbarschaft einsetzen. Niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeiten und eine offene Kommunikation mit allen lokalen Akteur_innen stellen Möglichkeiten dar, um vielfältige Informationen über vorhandene Potenziale des Quartiers zu gewinnen und diese sichtbar zu machen.

Gemeinwesenarbeit verknüpft die gewonnenen Erkenntnisse über die immateriellen, materiellen und institutionellen Ressourcen miteinander, um gemeinsam mit der Bewohnerschaft und allen anderen handelnden Akteur_innen die Lebensbedingungen im Quartier zu verbessern. Übergeordnetes Ziel ist es, die individuellen Sozial- und Lebensräume wahrzunehmen und die identifizierten Ressourcen im Sinne ganzheitlicher Arbeit mit den Bewohner_innen in Handeln, Angeboten und Strategien für die Quartiersentwicklung einzusetzen.

VI. Gemeinwesenarbeit arbeitet vernetzt und fördert handlungsfähige Netzwerke und Kooperationsstrukturen.

Gemeinwesenarbeit versteht sich als zentrale Vernetzungsinstanz im Quartier. Aufgrund der Vielschichtigkeit von Lebens- und Problemlagen innerhalb der betroffenen Quartiere, ist eine nachhaltige Verbesserung nur unter Einbeziehung aller relevanten Akteur_innen zu erreichen.

Gemeinwesenarbeit realisiert Vernetzung auf mehreren Ebenen. Sie schafft und stärkt zum einen gebietsbezogene Netzwerke unter den Bewohner_innen eines Quartiers. Zum anderen fördert sie Netzwerke und Kooperationsstrukturen der haupt- und ehrenamtlichen Akteur_innen im Quartier und darüber hinaus. Da Gemeinwesenarbeit den Anspruch hat, zielgruppen-, dimensionen- und ebenenübergreifend zu arbeiten, ist der Kreis der relevanten Akteur_innen dabei dementsprechend groß und vielseitig. Dieser kann von diversen Fachämtern der Stadtverwaltung über Beratungsstellen, Kitas, Schulen, Vereine, Wohnungsbaugesellschaften bis hin zur Polizei oder der lokalen Ökonomie reichen. Zentrales Kriterium ist dabei immer der Bezug zum Quartier.

Schließlich bedeutet Vernetzung für Gemeinwesenarbeit auch die Verknüpfung der genannten Ebenen. Die Vernetzung der Bewohner_innen mit den handelnden Akteur_innen im Quartier ist ein elementarer Baustein der Gemeinwesenarbeit. In diesem Fall fungieren Gemeinwesenarbeiter_innen als Übersetzer_innen und Brückenbauer_innen. Sie initiieren Kontakte, bieten Kommunikationsräume und moderieren diese. Sie sind Türöffner_innen und Lots_innen, sie unterstützen Interessierte und versuchen, vermeintlich Desinteressierte zu gewinnen.

Gemeinwesenarbeit verfolgt dabei das Ziel, durch Vernetzung und Kooperation die Lebensbedingungen im Quartier sensibilisierend darzustellen und zu verbessern. Dies gelingt, wenn allen Akteur_innen die relevanten Informationen vorliegen, die unterschiedlichen Aufgaben und Arbeitsansätze eingebracht werden, die Arbeit fachlich aufeinander abgestimmt und verzahnt ist, Ressourcen optimal genutzt werden und Synergieeffekte entstehen.

Die Formen, in denen dieses bunte Stadtteilnetzwerk organisiert sein kann, sind ebenso vielfältig wie die Akteur_innen selbst. Dies kann je nach Bedarf von (vertraglich) gefassten Kooperationen über eher informelle Strukturen wie Stadtteilkonferenzen, -runden, Arbeitskreise, Projektgruppen, Treffs, Cafés oder Gruppen reichen.

VII. Gemeinwesenarbeit denkt und handelt zielgruppenübergreifend.

In einem Quartier leben unterschiedliche Menschen. Der übergreifende Berührungspunkt all der verschiedenen Bewohner_innen eines Quartiers ist das Quartier selbst als ihr sozialer Lebensraum. Er bestimmt sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen der Lebensbewältigung der Bewohnerschaft in einem erheblichen Maß.

Problemlagen in einem Quartier betreffen in der Regel die gesamte Bewohnerschaft und nicht nur eine oder wenige Gruppen. Um die Lebensbedingungen in einem Quartier zu verbessern, müssen Gemeinwesenarbeiter_innen ihre Aktivitäten an den Bedarfen und Themen orientieren, die viele unterschiedliche Menschen bzw. alle Bewohner_innen des Quartiers betreffen. Die vielfältigen Maßnahmen der Gemeinwesenarbeiter_innen sind daher zielgruppenübergreifend konzipiert. Sie sprechen alle Bewohner_innengruppen an und schließen nicht aus.

Bei einem Prozess der Wohnumfeldgestaltung beispielsweise achten Gemeinwesenarbeiter_innen darauf, dass alle Bewohner_innengruppen zu Wort kommen und sich möglichst für alle ein Mehrwert erreichen lässt. Wenn nötig, stärken sie durchsetzungsschwächere Gruppen, indem sie helfen, Ausgrenzungserfahrungen aufzuarbeiten, Wege zur Beteiligung aufzeigen und Strukturen zur Teilhabe öffnen. Dabei schätzen und integrieren Gemeinwesenarbeiter_innen zielgruppenspezifische Organisationsformen. Sie unterstützen deren Bildung und nutzen sie für den zielgruppenübergreifenden gemeinsamen Dialog im Quartier. Dieser Dialog entsteht durch zielgruppenübergreifende Veranstaltungen sowie Maßnahmen der Gemeinwesenarbeit und macht die Herausarbeitung von gemeinsamen Interessen möglich. Er fördert die Nachbarschaft und damit die Quartiersidentität, indem er ein Wir-Gefühl ermöglicht und Konkurrenzen entschärft.

In bestimmten Situationen gibt es gute Gründe für die Gemeinwesenarbeit, im Quartier auch Zielgruppenarbeit anzubieten. Beispielsweise wenn sie durch zielgruppenspezifische Angebote erhebliche Stigmatisierungen und Benachteiligungen einer einzelnen Gruppe aufbrechen bzw. ausgleichen will, wenn es für die Bedarfslage einer einzelnen Zielgruppe keine geeigneten Angebote im Quartier gibt, an die sie verweisen könnte (z. B. Sprachangebote) oder wenn sich in zunächst offenen Angeboten nur eine Zielgruppe organisiert (z. B. afrikanische Kochgruppe). Mit ihrem übergreifenden und weiten Ansatz geht Gemeinwesenarbeit dabei der Fragestellung nach, wie sich Gruppen zueinander verhalten und in Wechselwirkung zueinander stehen. Zentrales Ziel ist dabei die Verbesserung der Lebensbedingungen im Quartier und eine Stärkung der nachbarschaftlichen Beziehungen.

Manchmal werden Problemlagen und Missstände in einem Quartier durch die erhöhte Bedarfslage einer einzelnen Zielgruppe erst sichtbar. So hat der Zuzug von Geflüchteten in überwiegend benachteiligte Quartiere, deren Bedarfslage bezüglich der sozialen und materiellen Infrastruktur verstärkt sichtbar gemacht. Eine Bearbeitung dieser Bedarfslagen, wie beispielsweise die Verbesserung der Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr, die Öffnung und Belebung der Vereinskultur oder die Erweiterung der sozialen Angebotsstruktur eines Quartiers, schafft einen Mehrwert, der weit über die ursprüngliche Zielgruppe hinaus geht und der gesamten Bewohnerschaft zu Gute kommt. Dementsprechend sollten solche Prozesse auch zielgruppenübergreifend konzipiert und kommuniziert werden.

VIII. Gemeinwesenarbeit bezieht die Dimensionen der Lebenslagen übergreifend in ihr Denken und Handeln ein.

Gemeinwesenarbeit berücksichtigt in ihrem Denken und Handeln die Wechselwirkungen der Dimensionen, die die Lebenslagen der Menschen im Quartier bestimmen. Der Begriff Lebenslage bezeichnet dabei die allgemeinen Umstände und den Rahmen der Möglichkeiten, unter denen einzelne Personen oder Gruppen in einer Gesellschaft leben. Sie wird geprägt durch die Dimensionen Einkommen, Beschäftigung, Wohnen, Gesundheit und Bildung.

Je nach Ausprägung dieser Dimensionen ergeben sich individuelle sowie kollektive Entwicklungsmöglichkeiten oder Grenzen und Einschränkungen. Die Ausprägung der Lebenslagendimensionen ist vom Sozialraum abhängig, bestimmt diesen aber auch. Beispielsweise beeinflusst das Einkommen die Wohnortwahl. Der Ruf eines bestimmten Quartiers beeinflusst wiederum auch das Einkommen, da es als Bewohner_in eines benachteiligten Quartiers schwerer fallen kann, z. B. einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden.

In benachteiligten Quartieren sind die Dimensionen der Lebenslagen überwiegend einschränkend und benachteiligen die Menschen vor Ort. Die Handlungsspielräume der Bewohner_innen sind somit weitaus kleiner als in privilegierteren Quartieren. Aus diesem Grund setzt Gemeinwesenarbeit systematisch in diesen Quartieren an und verfolgt das Ziel, die materiellen, immateriellen und infrastrukturellen Bedingungen des Gemeinwesens zu verbessern, da diese über die benannten Dimensionen, die Lebenslagen der Bewohner_innen nachhaltig verbessern können.

Die Wechselwirkungen, die zwischen den unterschiedlichen Dimensionen bestehen, sind dabei von großer Bedeutung. So kann beispielsweise das Thema Gesundheit nicht losgelöst von den anderen Dimensionen betrachtet werden, denn insbesondere die Bereiche Wohnen (z. B. gesundheitsschädliche Wohnbedingungen durch Schimmelbefall), Beschäftigung (z. B. gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen durch Schichtarbeit), Einkommen (z. B. Möglichkeiten der eigenfinanzierten Gesundheitsförderung), Bildung (z. B. Gesundheitswissen) sowie die Ausgestaltung von Freizeit (z. B. Möglichkeiten der Naherholung) haben auf diese erheblichen Einfluss. Da Gemeinwesenarbeiter_innen sich dieser Wechselwirkungen bewusst sind, denken und bearbeiten sie die Dimensionen ressortübergreifend und interdisziplinär. Unter Beachtung und Einbeziehung des Wissens und Könnens der einzelnen Fachdisziplinen und Ressorts werden vielfältige Kooperationen gesucht und gefördert.

IX. Gemeinwesenarbeit denkt und handelt ebenenübergreifend.

Gemeinwesenarbeit betrachtet die Entwicklung des Quartiers nicht losgelöst, sondern im Gesamtzusammenhang der Entwicklung der darüber liegenden Ebenen wie Stadtteil, Kommune, Landkreis, Land, Bund oder EU, denn zwischen Entwicklungen im Quartier und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen besteht eine Wechselwirkung. Entwicklungen und Entscheidungen übergeordneter Ebenen, wie beispielsweise weltweite und europäische Migrationsentwicklungen, arbeitsmarkt- oder schulpolitische Entscheidungen haben sowohl Auswirkungen auf die Menschen als auch auf das Quartier.

Dementsprechend müssen Gemeinwesenarbeit_innen auf allen relevanten Ebenen aktiv sein und sich Gehör verschaffen. Sie denken in ihrer Arbeit alle Ebenen mit, verdeutlichen die Wechselwirkungen und gehen strategisch vor. Die Vermittlung zwischen den Ebenen ist dabei eine zentrale Aufgabe von Gemeinwesenarbeit. Einerseits stellen Gemeinwesenarbeiter_innen stadt-, landes- und gegebenenfalls auch bundesweit die Problemlagen in den Quartieren dar und sorgen dafür, dass Informationen an die richtigen Stellen gelangen. Andererseits zeigen sie die Gestaltungsräume im Quartier auf, die durch die Bedingungen übergeordneter Ebenen definiert sind. Ziel ist es, das Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu schärfen und sowohl die Gestaltungsmöglichkeiten als auch die Ressourcen anderer Ebenen für das Quartier nutzbar zu machen.

Das bedeutet in der praktischen Arbeit, dass Lobbyarbeit ein wichtiger Bestandteil von Gemeinwesenarbeit ist. Inhaltlich geht es darum, andere Ebenen für die Belange und Bedarfe im eigenen Quartier zu sensibilisieren. Dabei verweisen Gemeinwesenarbeiter_innen auf die gesamtstädtische bzw. gesamtgesellschaftliche Verantwortung für betroffene Quartiere und machen auf deren Integrationsleistung für die Gesamtkommune oder -region aufmerksam. Gerade benachteiligte Quartiere tragen im Verhältnis mehr Lasten der Gesamteinheit und müssen demnach auch mit angemessenen Ressourcenanteilen unterstützt werden. Die einzusetzende Unterstützung muss dabei sowohl finanzieller als auch inhaltlicher Art sein.

So kann eine Gebietskörperschaft ihre Verantwortung einerseits durch finanzielle Unterstützung wahrnehmen. Andererseits ist es ebenso wichtig, dass sie auf strategischer Ebene ihrer Verantwortung nachkommt, indem sie gezielt Fördergebiete auswählt, strategisch weitere Förderprogramme bündelt und mit anderen gebietsbezogenen Strategien (beispielsweise im Bereich von Bildungspartnerschaften, Jugendhilfe, Lokale Ökonomie, Beschäftigung und Existenzgründungen) verknüpft. Das Gelingen dieser Aktivitäten ist abhängig von der Dialogbereitschaft der Akteur_innen übergeordneter Ebenen oder der öffentlichen Debatte.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass sich Gemeinwesenarbeiter_innen mit Akteur_innen und Initiativen aus anderen Regionen und anderen Ebenen vernetzen, Bündnisse eingehen und strategisch zusammenarbeiten.

Förderung von Gemeinwesenarbeit in Hessen.

Mit der Koordinierungsstelle GWA, die im Rahmen der Richtlinie gefördert wird, unterstützt die LAG die Umsetzung und Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit in Hessen. Das Angebot richtet sich an alle Akteur_innen, die mit Hilfe der Gemeinwesenarbeit die Lebensbedingungen in benachteiligten Stadtteilen und Quartieren verbessern möchten. Die LAG steht als Servicestelle u.a. für Beratung, Wissenstransfer, Erfahrungsaustausch, Fortbildung und bei inhaltlichen Fragen rund um das Förderprogramm des Landes zur Verfügung.