Konzept der Gemeinwesenarbeit

in Hessen

Gemeinwesenarbeit (GWA) ist ein übergreifendes Konzept, das Methoden, Ziele und Erklärungen sowie Begründungen und Techniken verknüpft. Es zielt auf die Verbesserung von materiellen (z.B. Wohnraum, Existenzsicherung), infrastrukturellen (z.B. Verkehrsanbindung,  Einkaufsmöglichkeiten, Grünflächen) und immateriellen (z.B. Qualität sozialer Beziehungen, Partizipation, Kultur) Bedingungen im Gemeinwesen unter maßgeblicher Einbeziehung der Bewohner_innen.

Bezugs- und Ausgangspunkt  für das Handeln ist das unmittelbare Wohn- und Lebensumfeld der Menschen, wie der Stadtteil, das Quartier oder die Nachbarschaft. Unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Entwicklungen richtet GWA ihren Blick aber auch auf die Wechselwirkungen zwischen strukturellen Bedingungen und dem Handeln bzw. den Handlungsoptionen der Menschen.

GWA orientiert sich stets an der Lebenswelt der Bewohner_innen. Sie stärkt die Menschen darin, ihre eigenen Belange zu formulieren, ihre Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und sich für ihre Interessen einzusetzen. Dabei spielt die Aktivierung, Einbindung und Beteiligung aller Bewohner_innen und Bevölkerungsgruppen im Gemeinwesen eine zentrale Rolle. GWA fördert  Handlungsfähigkeit und Selbstorganisation und ist somit auch immer (politische) Bildungsarbeit.

GWA setzt auf die Bildung von Netzwerken und Kooperationsstrukturen und arbeitet ressourcen- sowie ergebnisorientiert.  Sie ist sozial- und lokalpolitisch ausgerichtet. GWA arbeitet mit Akteur_innen anderer Systemebenen zusammen, z.B.  Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, um nachhaltige Veränderungen zu erzielen. Sie übernimmt dabei die Rolle einer Initiatorin und Impulsgeberin vor Ort, ohne dabei Verantwortung für die Lösung von Problemen  übernehmen zu können, die an anderen Stellen oder Zuständigkeiten gelöst werden müssen. Vielmehr stellt sie gesellschaftliche Gesamtzusammenhänge mit ihrer Wirkung auf die Lebenssituation der Menschen dar und macht die Verantwortungen verschiedener Akteur_innen sichtbar.

Die LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. hat gemeinsam mit  der LAG Soziale Brennpunkte Niedersachsen e.V. grundlegende Qualitätsstandards der GWA  herausgearbeitet, die stetig weiterentwickelt werden sollen. An diesem Prozess sind mittlerweile auch die BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit e.V. und der Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V. beteiligt. Die aktuelle Fassung der Arbeitshilfe vom 16.06.2016 zu den Qualitätsstandards für die GWA finden Sie hier und, neben anderen hilfreichen Veröffentlichungen, auf unserer Download-Seite.

Ihre Anfänge fand die GWA in der so genannten Settlement-Bewegung aus England (Toynbee Hall, London) und den USA (Hull House, Chicago), die in den 1880er Jahren gegründet wurde: Höher gebildete Menschen zogen damals in klassische Armen- und Arbeiterquartiere, um sich mit den Bewohner_innen gemeinsam für strukturelle Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen einzusetzen.

In Hessen gibt es seit den 1960er Jahren vielfältige Erfahrungen mit GWA. Mit ihrer Hilfe gelang es seitdem fast alle hessischen Obdachlosenquartiere aufzulösen und zahlreiche benachteiligte Stadttele positiv zu entwickeln. Das Land Hessen hat Gemeinwesenarbeit von 1972 bis 2003 über den Erlass „Hilfe für Obdachlose“ und ab 1999 auch im Rahmen des Stadtteilentwicklungsprogramms „Soziale Stadt“ unterstützt. Seit 2015 hat das Land Hessen das Förderprogramm zur Richtlinie zur Förderung von Gemeinwesenarbeit in Stadtteilen / Quartieren mit besonderen sozialen und integrationspolitischen Herausforderungen aufgelegt, um mit Hilfe des erfolgreichen Konzeptes der GWA die vielfältigen Entwicklungsaufgaben in den Stadtteilen und Quartieren in Hessen zu unterstützen.

Förderung von Gemeinwesenarbeit in Hessen.

Mit der Koordinierungsstelle GWA, die im Rahmen der Richtlinie gefördert wird, unterstützt die LAG die Umsetzung und Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit in Hessen. Das Angebot richtet sich an alle Akteur_innen, die mit Hilfe der Gemeinwesenarbeit die Lebensbedingungen in benachteiligten Stadtteilen und Quartieren verbessern möchten. Die LAG steht als Servicestelle u.a. für Beratung, Wissenstransfer, Erfahrungsaustausch, Fortbildung und bei inhaltlichen Fragen rund um das Förderprogramm des Landes zur Verfügung.